In Gedanken verloren, aus ihnen erwachend lief Zarathustra einen langen und mühsamen Weg durch die von noch keinem Menschenfuß berührte Landschaft, die ihm bald still, friedvoll, bald öde und düster entgegentrat. Zarathustra gab sich seinem Weg hin, von dem er die geringste Ahnung hatte, wo er ihn hintrieb. Nach einer Weile befand er sich plötzlich vor Toren einer ihm gänzlich fremden Stadt, die um einen steilen Berg herumkreiste, so dass es ihm schien, als nähme die Stadt den Berg fest in die Arme, schlänge ihn um, wie Kinder, die an Röcke ihrer Mütter hängen, sich gehörsuchend von unten auf sie hinaufblicken. Er setzte sich eine Weile auf einen Stein hin und beobachtete mit Lust und Neugier die Stadt, aus der in dem Augenblick ein leiser Lärm zu seinen Ohren drängte, der nach langer Einsamkeit seltsam gut tat und ihn zu sich hinzog...
Angekommen in der Stadt hielt sich Zarathustra erst am Rande der Stadt auf, verhielt sich unauffällig, wie es nur ging. Aufgrund der Erfahrung, dass der Mensch auch blind und gefährlich ist, war er nun vorsichtiger als denn je. Er wusste nicht, ob er nicht auch von hier weggescheut werden würde, vielleicht gar vernichtet. Während er durch die enge Gasse der Stadt allein und ziellos herumschleuderte, zog er hie und da misstraurige, abweisende Blicke auf sich. Das alles Neue, ungewiss Fremde ängstigte ihn, wie er sich auch über die Stadt, die allzu geschäftigen, wahnwitzig gesprächigen, lauten Menschen, die durstig nach Arbeit zu sein schienen, freute. Sie bauten ihre Stadt jeden Tag ein Stück mehr hinauf auf den Berg und fest entschlossen, den Bau bis zur Spitze hinzuführen, den Berg in eine große Stadt zu verwandeln. Zur Krönung wollten diese dann, wie Zarathustra erfuhr, einen Tempel auf die Bergspitze hinstellen, wo die geleistete Mühe und Fleiß der Einzelnen auf ewig gewürdigt werden sollte...
Überrascht erfuhr Zarathustra, dass Menschen ihm auch mit Interesse begegneten, ihn freundlich ihre Gemeinschaft aufnahmen, sich mit ihm vertraut machten. Er erzählte ihnen von seiner Verbannung aus seinem Heimatland, vom Unverständnis seiner Landsleute ihm gegenüber. So war er in diesem Augenblick hier bei Freunden. Davon angetan umgaben ihn immer öfter Menschen, die ihn neugierig ausfragten, mit ihm Gespräch suchten. Zarathustra offenbarte ihnen all seine Gedanken über den guten und bösen Gott, über die Welt und Menschen, denen er begegnet war, die, wie Zarathustra nun die Blicke senkend sagte, von Missgunst, Neid, Lüge und Hass gepackt zu ihrem Ende eilten. Fernab von Heimat stand es für Zarathustra nun fest, dass dieser Verfall eine positive Entwicklung, weil er ja ein Ende war und damit zugleich einen Anfang verhieß, wenn er sich nur zu endelebte, das heißt sein Potenzial verbrauchte und so nichts davon übrig blieb. Man musste dann das Notwendige tun, das heißt alles daran setzen, was diesen Prozeß beschleunigte, dass er so schnell wie möglich sein Ende erreichte. Von diesem Erkenntnis getrieben entdeckte Zarathustra im laufe der Jahre, wo er als Ehrenbürger der Stadt frei lehrte und die Stadt mitgestaltete, das Feuer, womit sich das alles von ihm gesagte symbolhaft unwiderlegbar manifestierte...
Inzwischen gelang der Bau der Stadt auf die Spitze. Eine wunderbare Stadt entstand. Eingegraben in den Berg, mit kleinen und großen, sich in Kreis bewegende Treppen, Gassen, Häusern, Läden für jeden Bedarf, hängenden Gärten mit Rosen aller Art, bewässert mit vom Berg herabschmelzenden Schnee. Nachts sangen Nachtigals auf Granatapfelbäume. Der frische, vom Berg auf in Licht getaufte Stadt hinabsteigende Nebel berauschte jeden Kopf, jedes Herz, so dass jeder mit Nachtigals eiferte, sich unbefangen langen Gesprächen hingab, Loblieder auf das Leben sang, leichtfüßig dazu tanzte und vor allem willig war, dafür zu arbeiteten, dass dieses Leben ewig sein sollte. Kurz die Stadt mitsamt ihrer Bürger blühte und duftete herrlich...
Zarathustra liebte die Stadt, schätzte ihre Bürger sehr, ihre Freude am Leben, ihr Beharren am Vorwärts, ihren Mut zur Selbstverantwortung, Selbstüberwindung. Er hatte aber nichts, merkte er auf einmal, was sie nicht hatten. So konnte er ihnen Nichts geben als das, was er als sein einziges mit sich gebracht hatte, was er hier in dieser Stadt in jedem einzelnen schon brennen sah, nämlich das Feuer. So schlug Zarathustra vor, auf der Spitze des Berges, statt eines Tempels, ein großes Feuer zu legen, welches bis zu dem letzten Menschen in der Stadt brennen sollte. Es soll uns Zeugnis davon geben, sprach er, wie diese Stadt an einem winzigen Wunsch entfacht, wie sie binnen kurzer Zeit zu einer prächtigen und stolzen Festung geworden ist. Das Feuer soll Zuhause für die Mühsal und den Fleiß jeder Einzelnen hier sein, die trotz all den Missständen von besseren Tagen geträumt, diese schließlich verwirklicht haben.
So stiegen die Bürger der Stadt unter Gesänge, glücklich über den Vorschlag Zarathustras, auf die Spitze, schafften gemeinsam Holz herbei, türmten es aufeinander. Als es genug war, sammelten sie sich um Zarathustra, der in dem Augenblick verflüchtigt in Gedanken, die Hände gefaltet, Augen geschlossen hielt. Es herrschte Meerstille in der Seele der Anwesenden, erhaben über sich selbst, ließen sie leise und ehrfürchtig ihre Gedanken, Gebete, Wünsche in die Seele der Welt hineinfließen. Da hob Zarathustra beide Hände zitternd in die Höhe und sprach:
Feuer! du, Mutter der Erde! Du, das sich sterbend gebärende, sich verzehrend blühende! Du, unser Lebensgrund! Aus dir kommen wir, in dich werden wir vergehen. Du uns Heilige, dem ähnlich zu werden, von nun an das alleinige Ziel und Zweck all unserer Bemühungen sein wird. Verbrenne das Jämmerliche in uns! reinige uns vom nichtigen, halben Gedanken und Taten! Lass das Gute und Frohe ewig wiederkommen! Und mutige uns, zu sagen: Weg mit denen, die das Feuer in ihren Herzen zum erlöschen bringen, sich selbst damit anschwärzen. Weg mit denen, die Hass und Rache hegen, blutdurstig über seinen Nächsten herfallen! Weg mit diesen armseligen, feigen, ein tag Geschöpfen, die sich gar vor ihrem Schatten fürchten! Lass uns ihr Ende, ihr Schicksal sein! Amen.Daraufhin wandte sich Zarathustra zu der Versammelten, die ihn gütig dabei beobachteten, wie er in finsterem Ernst sein Werk vollbrachte und damit stolz auf ihn zu sein, jeden Grund hatten. Er sprach nun zu ihnen: Und Ihr Kurdino! Ihr glückliche, großherzige Sternenkinder! Meine Freunde! Lebt lange! Dieses Feuer möge euch nie ausgehen, an keinen Stein möge eure Füße stoßen, an keinem Dorn eure Hände bluten! Seid ewig Kinder, die in Unschuld ihre Spiele spielen!
Nährt das Feuer! Nährt das Feuer! rief Zarathustra laut, nach dem er zu Ende gesprochen hatte. So stieg rasch ein gewaltiges Feuer in den Himmel. Alle standen wie ergriffen da und schauten sich nun ganz anders als sonst das Feuer an, dessen Flammen wild um sich griffen, sich immerwährend in die Luft, in den Rauch verflüchtigten und rasch umso gewaltiger wiederkamen... Nährt das Feuer! riefen die Frauen allesamt und stießen gellende Schreie aus sich. Begeistert improvisierten Sänger ihre Lieder, andere standen auf und tanzten im Kreis um das Feuer, gänzlich selbstvergessen, aus sich geraten und entzückt davon, was in dem Augenblick mit ihnen geschah... Die Versammlung am Feuer löste sich am Spätabend langsam auf. Sie stieg aufgegangen im Gefühl der Gottesnähe in ihre Häuser hinab. Manche blieben am Feuer, um darüber zu wachen, manche legten sich da zum Schlaf, um von dem Tag zu träumen, der ihnen Unvergessliches geschenkt hatte...
Quelle: http://www.gelawej.org/modules.php?name=Content&pa=showpage&pid=516