Wenn mensch die Biografie des erfahrenen türkischen Journalisten Cengiz Çandar in
Englisch wie
Türkisch anschaut, wird man ihm sicherlich nicht eine antisäkulare oder gar antikemalistische Einstellung unterstellen dürfen. Trotzdem schreibt der Mann in jüngster Zeit sehr kritische Kommentare zu den Aktivitäten der türkischen Militärführung. Und davon versteht er was, war er doch seit über 30 Jahren immer wieder als Kriegskorrespondent für stramm kemalistische Zeitungen beschäftigt. Es liegt darum sicher nicht an ihm, wenn er den hier in deutscher Fassung zitierten Kommentar am 18. April 2008 für
"Turkish Daily News" verfasst hat.
Was in Spanien aus einem kleinen katalanischen Mädchen werden kann
Sie war sieben Jahre alt, als Antonio Tejero den ersten Versuch für einen Staatsstreich unternahm. Der spanische Oberstleutnant hatte schon einige "Sandkastenmanöver" durchgeführt wie 1978 die "Operaciòn Galaxia", bevor er imt 200 vewaffneten Männern in das spanische Parlament eindrang.
Carme Chacón, geboren 1971 in Barcelona, war wohl gerade 7 Jahre alt geworden, als Oberstleutnacnt Fejero seinen Umsturzversuch unternahm. Das war wohl auch das Jahr, als sie begann Spanisch zu lernen.
Ich glaube sie lernte Spanisch, genauer: Kastilisch, als sie die Grundschule in Barcelona besuchte weil Carme Chacón Piqueras Katalanin ist und in den Kreisen, wo sie aufwuchs, nur katalanisch gesprochen wird in Kataloniens Hauptstadt Barcelona. So sprach wohl auch die kleine Carme, genannt "La Chaky", damals nur Katalanisch.
Ach ja, . . . Wo waren wir stehen geblieben? Wir waren bei Tejeros "Unternehmen Milchstraße", so genannt nach dem Café Galaxia in Madrid, wo die Militärbeamten gewöhnlich hingingen, die in den Umsturzversuch verwickelt waren. Später hieß es "Van Gogh Café". Der Versuch kam ans Licht, nachdem ein an den Treffen im Café beteiligter Infanterie-Kommandeur und ein Polizeibeamter den Vorfall gemeldet hatten.
Das war vergleichbar mit unseren “Sarıkız” (Goldmünze) und “Ayışığı” (Mondlicht) Umsturzplänen. Aber unsere kamen nicht durch Meldungen ans Licht. Diese Pläne wurden aufgedeckt, als die Tägebücher, die auf der PC-Festplatte des früheren Marinekommandeurs Özden Ömek (einem Reporter) zugespielt wurden.
Alle unter dem Namen "Die Umsturz-Tagebücher" gesammelten Informationen wurden im "Nokta" Nachrichtenmagazin veröffentlicht. Aber das Magazin wurde geschlossen und Ömek verklagte den Chefredakteur Alper Görmüş wegen "verleumderischer Umtriebe". Jedoch konnte die Polizei nach einer technischen Prüfung beweisen, dass der Computer (auf dessen Festplatte sich die "Tagebücher" befanden) Admiral Ömek gehörte, der anfangs das Gegenteil behauptete. Dadurch wurden die "Umsturz-Planungen", die auf dem Computer gespeichert waren, oder in anderen Worten “Sarıkız” und “Ayışığı” als Gegenstand der polizeilichen Ermittlungen nachgewiesen.
Durch diese Planungsunterlagen wurde aufgedeckt, dass Befehlshaber der Teilstreitkräfte jener Zeit, vor allem der Jandarma-Kommandeur Şener Eruygur auf unterschiedlichen Ebenen eine Rolle spielten. Eruygur, nun Vorsitzender der ADD (Atatürkçü Düşünce Derneği), eines Forschunginstituts zur kemalistischen Ideologie, erscheint auf jeder "neo-nationalistischen" Demonstration.
Durch diese Dokumente erfahren wir auch, dass die Umsturzversuche 2003 und 2004 mit Hilfe des früheren Generalstabschefs Hilmi Özkök verhindert wurden. Wir erkennen nun, warum Öukök seitdem zum Ziel einer
Rufmordkampagne durch bestimmte Gruppen wurde.
Sicher, ich schweife mal wieder ab. Oberstleutnant Tejero wurde nicht wegen "Operaciòn Galaxia" zur historischen Figur, sondern weil er am 23. Februar 1981 mit 200 Bewaffneten die Cortes, das spanische Unterhaus, gestümt hatte und wild um sich schoss. Das war der Versuch eines Umsturzes, als Spanien den Prozess des Übergangs zur Demokratie und Mitgliedschaft in der EU begonnen hatte.
Tejero, Jahrgang 1932, war damals knapp 50 Jahre alt, heute als 76. Carme Chacón war ein kleines 10-jähriges Mädchen in Barcelona, das kaum etwas wusste über die Vorgänge während der Stürmung des Parlamentes. Vielleicht beobachtete Carme die "faschistischen Zivilisten", deren Entsprechungen in der Türkei fälschlicherweise "Zivilgesellschaft" genannt werden, wie sie vor dem Gebäude "Cara Al Sol" ("Der Sonne entgegen") sangen, während der bewaffnete Einfall ins Parlament in Madrid stattfand und vom Fernsehen live übertragen wurde. Wer weiß.
Ich weiß aber, dass sich damals der versuchte Militärputsch nicht auf die Erstürmung des Parlaments beschränkte, sondern dass in Valencia Generalleutnant Jaime Milans del Bosch den "Notstand" ausgerufen hatte weger der Regierungskrise in der Hauptstadt und dass (dort) eine Militärverwaltung die Geschäftsführung übernommen hatte. Tejero hatte telefonisch Kontakt mit General Bosch. Die extreme Rechte wollte in Spanien die "demokratisch gewählte" Regierung stürzen und dafür eine "Militärregierung" einsetzen.
Jene Periode der spanischen Geschichte ähnelt nicht der heutigen Situation in der Türkei. Die Leute, die in der Türkei ähnliche Motive hegen wie damals die Spanier nennen sich "Linke, Sozialdemokraten, fortschrittlich, pro-Atatürk oder Kemalisten". Jene in Spanien waren schlichtweg Faschisten und bezeichneten sich auch so.
Der Militärputsch 1981 wurde zur Komödie und wurde eingedämmt vor allem durch die feste Haltung des Königs Juan Carlos, durch die Befehlshaber der Streitkräfte und den gesamten Generalstab sowie alle im Parlament vertretenen politischen Parteien. Man hatte genug vom Leiden und den Tragödien im Zusammenhang mit dem blutigen Bürgerkrieg in Spanien in den 1930-er Jahren. Einen neuen hatte man nicht nötig.
Was geschah mit Tejero?
Er wurde festgenommen und zu 15 Jahren Haft verurteilt. Seit seiner Entlassung 1996 wurde er im öffentlichen Leben nicht mehr gesehen, würde er nicht für eine Kleinstadtzeitung aufmüpfige Artikel schreiben, wüsste niemand, ob er überhaupt noch lebte.
Inzwischen wurde Carme Chacón erwachsen.
Das kleine Mädchen aus Katalanien absovierte ein Jurastudium an der Universität Barcelona, wo sie auch nach Auslandsstudien in Großbritannen und Kanada promovierte und anschließend Verfassungsrecht an der Universität Girona lehrte. Sie war wohl schon früh an Politik interessiert, weil sie schon mit 18 sich der spanischen sozialistischen Partei anschloss. Als Beobachter der OECD besuchte sie 1996 Bosnien-Herzegowina und 1997 Albanien.
Hätte ich sie 1996 in Sarajewo treffen können? Vielleicht. Hätte ich sie dort gesehen, ich hätte sicher nicht vorhersehen können, dass sie ab 2000 für die Sozialistische Partei als Abgeordnete für Barcelona ins spanische Parlament gewählt wurde und gut 3 Jahre später zur Fraktionsvorsitzenden. Als wir (in der Türkei) damit beschäftigt waren die Ereignisse zwischen der e-mail Warnung vom 27. April und den Wahlen vom 22. Juli zu begreifen, entging uns, dass sie am 6. Juli 2007 Wohnungsbauministerin in Spanien wurde.
Aber in den gerade abgelaufenen Tagen haben wir alle sie kennengelernt. Der spanische Ministerpräsident, der gemeinsam mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan dem UN-Projekt "Allianz der Zivilisationen" vorsitzt, ernannte Carme Chacón zur Verteidigungsministerin des Landes.
Zwar noch sehr jung und Sozialistin, hat Frau Chacón auch eine starke "ethnische Identität". Sie ist Katalanin und jetzt auch noch im sechsten Monat schwanger. Ich erfuhr, dass sie seit Dezember 2007 mit meinem spanischen Kollegen Miguel Barroso verheiratet ist und in drei Monaten ihr erstes Kind bekommen wird.
Bei der Zeremonie der Amtsübernahme sahen wir die schwangere Ministerin im Fernsehen, der spanische Generalstabschef Félix Sanz Roldán ging hinter, der Amtsvorgänger José Antonio Alonso neben ihr. Und dadurch erfuhr ich das alles über sie.
Ich weiß nicht ob General Roldán glücklich ist, dass diese schwangere junge sozialistische Katalanin nun die Verteidigungsministerin des Landes ist, und ob er damit zufrieden war, bei der Zeremonie hinter ihr zu gehen.
Aber ich weiß, dass er bei der Zeremonie zur Amtsübergabe sich hinter Carme Chacón Piqueras einreihte und sich damit anders benahm als jene Generäle, welche die Amtsübernahme des Präsidenten unseres Landes boykottierten. Auch wenn er über all dies nicht glücklich war, so bin ich doch sicher, dass er nicht in einen Umsturzversuch verwickelt sein wird. Ich weiß auch, dass die spanische Geschichte voller Siege der Streitkräfte in allen Weltgegenden ist, einschließlich Südamerika und dass der Staat aus einem großen Reich hervorging.
Aber vor allem ist Spanien ein demokratisches Land, wo die Regierung sehr gut funktioniert, was man mit Bewunderung wie mit Neid beobachten kann. Frau Chacón wird in drei Monaten Mutterschaftsurlaub nehmen, trotzdem wurde sie zur Verteidigungsministerin von Spanien ernannt. Welch glückliche junge Frau. Geboren 1971 in Katalanien, aufgewachsen in Spanien.
Übersetzung aus dem Englischen von Karl G. Mund,
amos@kurdmania.com Der Kollege Cengiz Çandar könnte sich ein Verfahren nach Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuches einhandeln, wenn er näher auf Vergleiche zur türkischen Realität eingeht. Darauf muss ich hier keine Rücksicht nehmen, und die Masse meiner LeserInnen auch nicht.
Seien wir also Utopisten! Ist es vorstellbar, dass 33 Jahre nach der Abschaffung einer faschistisch kontrollierten Herrschaft in der Republik Türkei eine Kurdin, sagen wir mal spaßeshalber eine Tochter von Leyla Zana, Verteidigungsministerin wird? Denn wir schreiben jetzt, wo Carme Chacón ihr neues Amt antritt, das Jahr 33 nach dem Tod des Generalissimus Francisco Paulino Hermenegildo Teódulo Franco Bahamonde, der Spanien 1936 den Bürgerkrieg und schließlich 1939 die faschistische Diktatur gebracht hatte.
Zum Nachschlagen im Internet:
http://de.wikipedia.org/wiki/Carme_Chac%C3%B3nhttp://www.turkishdailynews.com.tr/article.php?enewsid=70703 http://www.todayszaman.com/tz-web/detaylar.do?load=detay&link=109073 http://www.carmechacon.cat/es/lacandidata/ Weitere Artikel der türkischen Presse in Englisch zum Thema der Umsturzversuche 2003 und 2004 in der Türkei und die Rolle des Nachrichtenmagazins "Nokta" sowie der türkischen Justizbehörden:
http://www.todayszaman.com/tz-web/detaylar.do?load=detay&link=139197 Prosecutors’ inertia stems from fear of losing their jobs
http://www.todayszaman.com/tz-web/yazarDetay.do?haberno=139114 BULENT KENES All we want is justice!
http://www.todayszaman.com/tz-web/yazarDetay.do?haberno=138525 BULENT KENES ‘Open coup’ and the rule of law
http://www.turkishdailynews.com.tr/article.php?enewsid=101945 CENGİZ ÇANDAR Nationalism-Neo Nationalism; 'Laicism-Militarism'