TEIL 1Warum halten Menschen an
Stereotypen fest? Dabei werden tatsächliche Merkmale überverallgemeinert, um eine Komplexität zu reduzieren oder eine angebotene Identifikationsmöglichkeit aufgrund eines bereits bestehenden Eigenbildes einfach anzunehmen.
Sündenbocksuche, Theorien zur sozialen Identifizierung (wollen wir zu einer Gruppe gehören, weil sie besser ist oder nur aus individueller Selbstindentifikation?), Kategorisierung und Fokussierung dienen dabei einer Stärkung des Eigenbildes. Es hat häufig den stereotypen Charakter eines
Klischees und wird vorgetragen, als sei es selbstverständlich oder zumindest unwiderlegbar.
Ein
Vorurteil unterscheidet sich von einem Urteil durch die fehlerhafte und vor allem starre Verallgemeinerung. Bei der Fehlerhaftigkeit geht es weniger darum, ob etwa der Inhalt des Vorurteils empirisch mit der Realität übereinstimmt oder nicht, vielmehr ist die Übergeneralisierung von Bedeutung (
ökologischer Fehlschluss ).
Es ist ein voreiliges Urteil, also ein Urteil, das überhaupt nicht oder nur sehr ungenügend durch Realitätsgehalt, Reflexionen oder Erfahrungen gestützt wird, oder es wird sogar vor jeglicher Erfahrung oder Reflexion aufgestellt.
In der
„Idolenlehre“ seines 1620 erschienenen „Novum organum“ (Aphorismen 38 – 68) stellt der Begründer des modernen englischen Empirismus Francis Bacon (1561-1626) einige ihm besonders bedeutsame und lästige Hindernisse der Erkenntnis dar, die zur Erneuerung der Wissenschaften zu überwinden sind:"
Die Idole und falschen Begriffe, welche vom menschlichen Verstand schon Besitz ergriffen haben und tief in ihm wurzeln, halten den Geist der Menschen ... in Beschlag“ (Bacon, 1620 / 1990, a 38., S. 99).
Folglich denke ich, dass deine Intention von einem Bild geleitet ist, einer Projektion des Islams, die sich bei dir tief verfestigt hat, und die du nun versuchst überall bestätigt zu bekommen. Es ist also Stolz, den du primär treibst, so heißt es selbstverständlich seine Postionen zu verteidigen, damit du Sieger bleibst, selbst ohne Argumentation, jedoch dich auf logischem Fehlschluss verlassend (
Cum hoc, ergo propter hoc).
Gerade bei dieser "kleinkarierten
Korinthenkackerei " über den Begriff „Islamofaschismus“ drängt sich bei mir dieser Eindruck auf, dass es nicht nur um die Sache geht, sondern auch um Rechthaberei, um Arroganz und einer Antiobjektivität, die nicht bereit ist zu lernen: denn hatte ich nicht gebeten dich mit den inbrünstigen Verteidigern eines im Grunde laschen Wortes zu betrauen und schließlich festzustellen, ob du dich ihnen anreihen würdest?
Wissenschaftlich unhaltbar sind übrigens alle Erklärungen, die den Fundamentalismus als das eigentliche Wesen des Islam hinstellen und die iranische Revolution von 1979 als logische Konsequenz des neuen islamischen Selbstbewusstseins seit den 70erjahren sehen. Die interkulturell vergleichende Forschung hat seit dem Ende der 80er gezeigt, dass Fundamentalismus eine religiös begründete politische Ideologie ist, die spätestens seit dem Beginn der 70er in allen großen Religionen in Erscheinung tritt. Das gilt sowohl für solche Glaubensrichtungen, die im Gegensatz zum Islam gar nicht über einen Offenbarungstext verfügen - wie Buddhismus und Hinduismus - aber auch für die anderen Offenbarungsreligionen wie Judentum und Christentum.
Dass die Saudi-Araber die Deutungshoheit über die Auslegung des Korans, und wichtiger, über die Natur des Korans beanspruchen, sollte dich nicht daran hindern, auch andere Meinungen zu lesen. Dass die Mehrzahl der nahöstlichen Regime autoritäre Regimes sind, sollte nicht primär aus dem Islam erklärt werden, sondern aus dem arabischen Sozialismus, gegründet als
Antikolonialismus ! Selbst die Politik des Baath-Regimes war und ist eine Ableitung des deutschen Nationalsozialismus, hierfür sollte man nur die
Gedanken des Baath-Gründers in Betracht ziehen.
Die Mehrheit ist nämlich nicht so dogmatisch, wie du es gerne hättest; so weiß so manch einer manchmal in ihrer Defensive in Deutschland nicht, wie und wo man Argumentationshilfen erhält, sodass das Internet mit seiner Copy-Paste-Mentalität gerade recht kommt; leider zu oft aus erbärmlichen Seiten. Diese Mentalität mag selbstverständlich sein und natürlich einfacher als einen wissenschaftlichen Aufsatz zu lesen oder sich wissenschaftliche Sachverhalte diverser Persönlichkeiten anzueignen!
Wie viele Kurden, die immer noch in tiefster nationalistischer Überzeugung den Glauben vertreten, dass die Kurden zu ihrer Urreligion zurückfinden müssten, welche ihnen gewaltsam entrissen wurde, haben ein wissenschaftliches und renommiertes Buch gelesen oder Behauptungen, wie auch wissenschaftliche Erkenntnisse aufgenommen und studiert? Nein: Manchmal sind einigen zwei oder drei Sätze des ehrwürdigen Cemal Nebez als absolute Wahrheit mehr als genug!
Die Begriffskeule „Islamfaschismus“ birgt die Gefahr, alles „Muslimische“ undifferenziert als reaktionär und eben „faschistisch“ abzutun. Solcher Reduktionismus macht den Antisemitismus zum Wesenszug jener neuen Anderen, der Muslime. Er entsorgt damit die deutsche Vergangenheit durch die Relativierung der Nazi-Verbrechen und trägt bei zu einem undifferenzierten Feindbild gegen die Muslime hierzulande und weltweit. So ist dann der Weg nicht weit, die neue Weltordnung der USA als Bollwerk „gegen den Faschismus“ zu feiern (Zit n. Erdem, Isabel: Anti-deutsche Linke oder anti-linke Deutsche; in: UTOPIE kreativ Nr. 192,/Okt. 2006, S. 926 – 939, hier S. 9-10, Anm. 9.).
Eine vorurteilslose Debatte und Forschung über Islam und Moderne kann nur erreichen, wer endlich auf Kampfbegriffe wie Islamophobie und Islamofaschismus verzichtet!
„Islamkenner“ wie Manfred Halpern, Maxime Rodinson und Malise Ruthven haben den Neologismus vor langer Zeit aufgebracht, linke und rechte Publizisten wie Christopher Hitchens oder Andrew Sullivan damit ihre Befürwortung des Irakkrieges begründet, den auch George W. Bush und Angela Merkel jüngst unter eben dieses Epitheton gestellt haben.
Seit dem 11. September 2001 ist eine Zunahme an expliziten Schuldzuweisungen gegenüber Muslimen für verschiedenste Untaten auszumachen.
Eine große Ursache dieser
Falschmeldungen sind, dass nicht verschiedene Islamexperten und Islamwissenschaftler oder muslimische Gelehrte zu Wort kommen oder gehört werden, sondern Provokateure und selbst ernannten Ex-Muslime, die nichts mit dem Islam gemeinsam haben, jedoch durch entsprechende Medien zu Muslimen und Experten auserkoren werden, was heute in Gestalt von Mina Ahadi (welche nicht einmal die Anzahl der Koransuren kennt), Necla Kelek, die eine Dissertation über Immigranten veröffentlichte, die noch wohl wissenschaftlichen Charakter trug, jedoch später, um wohl Berühmtheit und mehr Geld zu erwerben, in einer Neuauflage nun in einem Buch
höchst unwissenschaftlich die Hauptschuld misslungener Integration nun im Islam entdeckte.
Dabei arbeiten
diese Personen mit Ängsten, unwissenschaftlichen Pauschalisierungen und ihren eigenen höchst individuellen Bildern, um sich im Abendland zu behaupten! So wird Theo van Gogh, der Opfer eines krankhaften Spinners wurde, als Held wider dem neuen Feindbild geschaffen, jener van Gogh, der Muslime stets nur mit „Ziegenficker“ betitelte und wegen antisemitsicher Äußerungen angeklagt wurde.
Hassprediger gibt es immer auf beiden Seiten und das Ohr nur an eine Seite zu halten, trägt nicht zur allgemeinen und objektiven Meinungsildung bei:
So prägt sogar das Bild der ansonsten renommierten Spiegel-Zeitschrift die Gedankenwelt eines
Broders , ein selbst ernannter Kämpfer wider „Islamofaschismus“, der sich im August 2005 auf einem „pro-westlichen Heimatabend“ mit Konsorten des rechten und peinlichen Internetforums „Politically Incorrect“ traf. Inzwischen hat er sich zwar von dieser paranoiden Verbindung distanziert; in seinem Spiegel-Beitrag „Wehe, wen der Muezzin stört“ entwirft er allerdings seine Schreckensvision einer islamischen Weltherrschaft im Jahre 2067.
Wenn sogar ein so häufig gelesenes Blatt wie „Der Spiegel“ unsachlich und polemisch vorgeht, sollen wir uns da etwa anschließen und dazu beitragen, dass gegenseitiger Hass, Vorurteile und Intoleranz weiter gedeihen? Sollten wir nicht lieber der europäischen Aufklärung beitragen, die auf Toleranz, Verstand und Respekt aufbaut? Entfernen sich im Grunde die „Aufklärungrufer“ nicht selbst von der „Aufklärung“?
Die pauschale Unsachlichkeit
des „Spiegel“ erinnert „
peinlich an die Propaganda der Nationalsozialisten gegen die Juden. Dabei will ich gar nicht in Abrede stellen, dass es einen wachsenden Fundamentalismus und Menschen in diesem Land gibt, die sich lieber das Mittelalter zurückwünschen. Fundamentalisten gibt es jedoch allerorten und in jeder Religion – George W. Bush ist dafür ein lebendiges Beispiel. Und tatsächlich ist in den letzten Jahrzehnten ein Dialog zwischen den Kulturen versäumt worden. Doch an einem Dialog sind per Definition mindestens zwei Seiten beteiligt.“
Zeitschriften wie „die Welt“ und der „Spiegel“ verbreiten die Vorstellung die USA würden die Werte des Abendlandes im Nahen Osten verteidigen und kommen zu dem Urteil, dass der Islam – im Unterschied zum Christentum – ein anachronistischer Glaube mit immanentem Hang zum Terrorismus ist und deshalb die Menschheitskultur bedroht. So verleiht der Spiegel dem imperialistischen Krieg der USA den höheren Sinn eines notwendigen Kulturkampfes gegen den Islam.
Es geht um die Normen und Werte des 21. Jahrhunderts. Es gibt Leute, die den
Kulturkampf wollen, die sich für ihn rüsten und erste Warnschüsse abgeben. Und das nicht nur bei der WELT, der BILD und beim Spiegel oder der FAZ, wo es kaum überrascht, sondern auch anderswo und auf verschiedenen Ebenen.
Es geht nicht lediglich um die Berichterstattung, sondern auch um die Absicht diverser Medien:
„
Das Islambild bei ARD und ZDF ist ein zugespitztes Gewalt- und Konfliktbild, das den Eindruck vermittelt, dass der Islam weniger eine Religion als viel mehr eine politische Ideologie und einen gesellschaftlichen Wertekodex darstellt, der mit den Moralvorstellungen des Westens kollidiert.“ (Hafez, Richter, 2007: 5).
Da dem Spiegel eine ähnliche gesellschaftliche Wirkung zugeschrieben werden kann, wie ARD und ZDF, ist seine Negativagenda ebenso kritisch zu betrachten, da von ihr eine enorme Einseitigkeit und Unausgewogenheit ausgeht.
Abschließend lässt sich festhalten, dass der Islam in den deutschen Fernsehmedien ARD und ZDF sowie in dem Printmedium Spiegel aus nicht immer nachvollziehbaren Gründen, überwiegend negativ präsentiert wird, so dass der Islam in der Medienrealität als ein gesellschaftliches Problem konstruiert wird. Es ist davon auszugehen, dass dadurch die Publikumsagenda beeinflusst wird, dem Islam also zum einen eine größere Bedeutung für gesellschaftliche Prozesse beigemessen wird, als er tatsächlich hat und dass diese zum anderen zumeist als negativ und bedrohend interpretiert wird.
Der ungeheure mediale Stellenwert könnte auch für das gezielte Manipulieren von Berichterstattungen sprechen, um bestimmte politische Ziele zu verfolgen. Die amerikanische Fernsehreporterin Barbara Walters interviewte in einer Live-Sendung Hinterbliebene von Opfern und erhielt meist Zeugnisse von Erschütterung, Unverständnis, Rachegefühle und latentem Rassismus. Um so erstaunter, geradezu perplex reagierte die Journalistin auf eine junge Frau, deren Gatte umgekommen war. Sie sprach ruhig und bedacht, inmitten all der Trauer, weder von Rache noch von Unverständnis. Sie sah die Ursache für jenen fürchterlichen Akt vor allem vor der eigenen Türe liegen, in der Arroganz, mit welcher die Industriestaaten die Welt annektieren und ihr ihre Kultur aufzwingen. Für sie war der Tod des Gatten tragisch und traurig, aber kein Anlass für weitere Aggression. Hingegen sah sie im Tod, wenn er denn überhaupt einen Sinn hatte, den Aufruf zu mehr Toleranz, mehr Rücksicht und Mässigung, sowie zu einem Dialog mit den Terroristen. In den Wiederholungen der Sendung wurde die Reaktion der Frau im Gegensatz zu den hysterischen Hetzereien nicht wieder ausgestrahlt. Sie wollte nicht ins Bild des unermesslichen Schreckens passen.
Die Wahl eines bestimmten Zeichens - Wort oder Bild - entscheidet darüber, auf welchen Wirklichkeitsausschnitt die Aufmerksamkeit gelenkt wird - und was ausgeblendet bleibt. Mensch und
Medien konstruieren unter Verwendung von Zeichen ständig Wirklichkeiten, die nicht dem Erlebten entsprechen - auch wenn nur "Fakten" berichtet werden. Da wir uns alle an dem orientieren, was wir schon zu "wissen" meinen, ergibt sich unbemerkt eine Wiederholung derselben Ausschnitte, was den Eindruck von Authentizität noch verstärkt.
Denn aus diesem Material entstehen Feindbilder: Schwarzweiß- und Worst-Case-Denken, Messen mit zweierlei Maß, Projektionen, Homogenisierung vielschichtiger Gruppen von außen und eine Fehlbeurteilung sich selbst erfüllender Prophezeiungen.
Bei aller Kritik kann man dennoch ein Bemühen von Seiten vieler Medienschaffender konstatieren, die die Problematik der eskalierenden Berichterstattung in Sachen Islam und Muslime erkannt haben, als Beispiel kann ich „Tagesspiegel“, die „Zeit“ und „Taz“ nennen.
Bisher wurde
in den Medien noch der Versuch gemacht, zwischen „dem Islam“ einerseits und „islamistischen Terroristen“, „islamistisch motivierter Gewalt“ u. Ä. zu unterscheiden. Dass dies ohnehin ein brüchiges Konstrukt war, ergibt sich aus dem einfachen Tatbestand, dass die Individuen durch Zuordnung zu Kollektiven, seien diese national oder religiös, in ihren grundlegenden Eigenschaften definiert, in essentiellen Charakteristika gleichgesetzt werden.
Die
begrenzte Medienfreiheit im arabischen Raum trägt allerdings auch nicht zur Verbesserung der transkulturellen Verständigung bei.
Doch braucht es auch die Bereitschaft, das Gebotene wahrzunehmen. Offensichtlich gibt es zahlreiche Konsumenten, die es nicht genauer wissen wollen. Sei es, weil sie bloß erfahren wollen, was sie unmittelbar bedroht (der Terrorismus), sei es, weil sie sich angesichts der komplexen Verstrickungen im arabischen Raum überfordert fühlen und darum Augen und Ohren zuhalten.
Das neue
Feindbild Islam mag auch dadurch geprägt worden sein, daß der in diesem Krieg siegreiche Westen den ersten Waffengang danach mit der Operation ›Wüstensturm‹ gegen ein islamisches Land richtete, ihre Substanz ist klar und findet sich in Äußerungen führender NATO-Vertreter wieder. Der damalige Oberbefehlshaber John Galvin verabschiedete sich aus Brüssel nicht ohne die neue Richtung vorzugeben:"
Den Kalten Krieg haben wir gewonnen. Nach einer siebzigjährigen Abirrung kommen wir nun zur eigentlichen Konfliktachse der letzten 1300 Jahre zurück. Das ist die große Auseinandersetzung mit dem Islam." (Zit. nach: Der Islam – eine Gefahr für die Welt? In: Zeit-Punkte, Hamburg, (1993)1, S. 24).
Politikwissenschaftler Andreas Buro bemühte sich an diesem Abend um die Frage der Entstehung eines Feinbildes . „
Je schärfer der Konflikt wird, desto extremer werden auch die Feindbilder. Und der Mensch ist nach einer Zeit so von diesen Bildern besessen, dass er nicht mehr in der Lage ist, diese auszubessern“, erklärte Buro, der als Mentor der deutschen Friedensbewegung gilt. Der 11. September 2001 sei ein zentraler Punkt gewesen, ein neues Feindbild in den Köpfen der Menschen zu festigen.
Ein neues Feindbild , das man kurz mit „arabisch, islamisch, terroristisch“ zusammenfassen könne. Spürbar mache sich in Bezug auf den Islam eine negative Stimmung in der Gesellschaft breit. Andreas Buro machte besonders auch die Medien für diese Situation verantwortlich.
„
In den westlichen Massenmedien, im Fernsehen und in den Zeitungen kommt der arabische Standpunkt nicht zur Geltung. Lediglich die westliche Sicht wird gezeigt“, reklamierte ein arabischer Wissenschaftler. Es gebe somit keine Gegen- positionen, die dem vorherrschenden „Feindbild Islam“ Einhalt gebieten könnten.
Eine Quelle reicht, wie bereits genannt, vielen aus, um sich bestätigt zu deuten: Ein gewisser Edward Gibbon lehrte in Oxford und legte unter Benutzung einiger lateinischer Quellen eine bis heute berühmte Darstellung der Frühgeschichte des Islam vor. Gibbon beschreibt darin, wie „
Mohammed ... mit dem Schwert in der einen Hand und dem Koran in der anderen auf den Trümmern des Christentums und Roms seinen Thron errichtete.“
Damit hat Edward Gibbon ein Bild entworfen, das immer wieder wiederholt und weitergeschrieben sich wie kein anderes ins europäische Unterbewusstsein gesenkt hat. Historisch gesehen ist an dieser Aussage eigentlich fast alles falsch, denn der Islam verbietet den Zwang in religiösen Dingen ausdrücklich. Die islamische Religion selbst ermöglicht trotz verschiedener Kritikpunkte ein positives Verhältnis zur christlichen und zur jüdischen Religion, denn Muhammad, der selbst sehr viel Umgang mit Christen und Juden hatte, verstand sich selbst in der Reihe der jüdischen und christliche Propheten und Offenbarungsträger von Abraham bis zu Jesus.
Es gehört nicht viel dazu, ein Feindbild zu kreieren - egal, ob im Westen oder im Nahen Osten. Es jedoch zu korrigieren oder gar ganz aus den Köpfen der Gesellschaft zu verbannen, bedarf mehr als einer überzeugenden Rhetorik.
Selbst ich bin mit meinem nun etwas zu lang geratenen Beitrages nicht optimistisch, aber einen Versuch wird es wohl wert sein!
„
Feindbilder sind keine zufälligen Erzeugnisse“, bekräftigte der Stuttgarter Literaturwissenschaftler und Journalist Thomas Rothschild seine Argumentation. „
Im Gegenteil: Sie bedienen Klischees, die in der Gesellschaft bereits existieren."
Der Westen brauche ein Feindbild, um sich seiner Identität zu versichern und geopolitische Interessen sowie militärische Aufrüstung zu legitimieren. Deshalb habe man nach dem Ende des Ost-West-Konflikts das alte Feindbild Kommunismus durch jenes des Islam ersetzt.
In keinem westeuropäischen Land wurden nach dem 11. September weniger antiislamische Übergriffe registriert als in Deutschland. Und anders als die Synagogen und jüdischen Einrichtungen brauchen Moscheen und muslimische Zentren bis heute glücklicherweise keinen gesonderten Polizeischutz.
Unterstützung kommt nicht von der Kirche, nein, in den Chefetagen der christlichen Kirchen sieht man diese Entwicklung mit Wohlwollen. Wenn soziale Fragen im Kontext der Islamdebatte in Religiöse umdefiniert werden, wertet das die eigene gesellschaftliche Stellung wieder auf. Die Kirchen hoffen, mit den Islamisten gleichzuziehen, um dem Religiösen endlich wieder den Platz zukommen zu lassen, den es ihrer Meinung nach verdient Der Zentralrat der Juden, im Gegensatz dazu, zeigte sich oftmals solidarisch und warnt vor großen Problemen.
Kommen nicht dito die Stimmen gut an, die Unheil verkünden, das Böse ausgemacht haben und zum Kampf dagegen aufrufen? Wer sich die Karikaturen über Juden vor dem zweiten Weltkrieg anschaut, wird sehr wohl Parallelen zu heute erkennen können, wo alles unter „Meinungsfreiheit und christlich-westliche Werte“ eingestuft wird, wenn auch die Aufklärung selbst eine Flucht aus der jahrelangen christlich-kirchlichen Gefangenschaft war! Sogar von jüdisch-christlichen Werten spricht man, um sich solidarisch mit jeder Tat von Israel zu befreunden und das Feindbild Islam gemeinsam zu bekämpfen, aber weniger ketzerisch, sondern unbemerkt, denn hier stehen nicht weniger als 20 Millionen Juden als Feinbild, sondern über eine Milliarde von Muslime, nach den Aussagen des Vatikan sogar nun die größte Religionsgemeinschaft der Welt!
Da das Augenmerk auf den Islam gerichtet ist, bemerkt man nicht die großen Ähnlichkeiten zwischen den Religionen, die Opfer nationalistischen
Missbrauchs geworden sind!
Der Krieg gegen den Terrorismus steht für mich vielmehr für einen erfolgreichen Ablenkversuch, weil die Weltpolitiker nicht willens oder fähig sind die eigentlichen Probleme zu lösen und sich an Macht halten und bereichern wollen.
Man könnte den Terrorismus als Ersatz für den Kommunismus betrachten. Der kapitalistischen Welt fehlt heute ein Feind. Der Zusammenbruch der Sowjetunion hinterließ ein ideelles Vakuum, das nun vom fundamentalistischen Islamismus ausgefüllt werden könnte
Die gegenwärtige Religionsfeindlichkeit ist eine Reaktion auf einen Umschwung. Die Säkularisierung befindet sich auf dem Rückzug, und das Ergebnis ist ein missionarischer Atheismus, wie es ihn seit viktorianischen Zeiten nicht mehr gegeben hat.
Selbstverständlich werden Anhänger der neuen Religion, die sich
Atheismus nennt und ebenso missionarisch eifert, anderer Meinung sein.
Der eifernde Atheismus reproduziert einige der übelsten Eigenschaften von Christentum und Islam. Er ist, wie diese beiden Religionen, ein Projekt, das auf universale Ausbreitung zielt. Für fanatische Atheisten steht außer Frage, dass ein besseres Leben möglich ist, wenn nur jeder Mensch ihre Sicht der Dinge akzeptiert, und dass eine bestimmte Lebensweise - ihre eigene, entsprechend ausgeschmückt - für jedermann das Beste ist.
Religionen bestehen aber nicht aus Annahmen, die zu Theorien aufsteigen wollen. Im Mittelpunkt der Ostkirche steht die Unbegreiflichkeit Gottes, und im orthodoxen Judentum ist die Praxis wichtiger als die Lehre. Für den Buddhismus wie für die traditionellen islamischen Sufis gibt es auf der spirituellen Ebene keine Wahrheit. Der Hinduismus hat sich nie als Glauben definiert. Nur einige christliche Traditionen haben, unter dem Einfluss der griechischen Philosophie, versucht, aus der Religion eine Theorie zur Erklärung der Welt zu machen.
Die Rassenlehre der Nationalsozialisten und der dialektische Materialismus der Sowjets haben die unendliche Komplexität der menschlichen Existenz auf die tödliche Einfachheit einer wissenschaftlichen Formel reduziert.
Moderne Religionskritiker offenbaren ein ausgeprägtes Desinteresse an der Geschichte atheistischer Regime.
Der Amerikaner Sam Harris argumentiert in seiner Studie „The End of Faith - Religion, Terror and the Future of Reason“, dass die Religion, historisch gesehen, die wichtigste Quelle von Gewalt und Unterdrückung sei. Zwar hätten säkulare Despoten wie Stalin und Mao gigantischen Terror verübt, die Unterdrückung habe aber nichts mit ihrer Ideologie des „wissenschaftlichen Atheismus“ zu tun - diese Regime seien eben Diktaturen gewesen. Aber könnte es nicht einen Zusammenhang geben zwischen ihrem Bestreben, die Religion abzuschaffen, und der Unfreiheit?
Mao, der seinen Angriff auf die Tibeter und ihre Kultur unter der Losung „Religion ist Gift“ führte, hätte vermutlich widersprochen, dass sein Atheismus keinen Einfluss auf seine Politik habe. Gewiss wurde er, wie Stalin, wie ein Halbgott verehrt. Aber der Personenkult in der Sowjetunion und in China war kein Widerspruch zum Atheismus. Hier wurde vorgeführt, was passiert, wenn der Atheismus ein politisches Projekt wird. Das Ergebnis ist eine Ersatzreligion, die nur mit tyrannischen Mitteln aufrecht erhalten werden kann.
Doch der Versuch, die Religion abzuschaffen, führt nur dazu, dass sie in grotesker und in entstellter Form wieder auftaucht. Jede polemische und aggressive Kampf gegen den Islam wird die Radikalen noch weiter stärken und wird als Mittel zum Zweck noch weiter an Bedeutung gewinnen!
Ungleichheiten, Erniedrigungen und Nationalismus führen zu
Konflikten und erst, wenn wir bemerken, dass wir einander brauchen, wird höchstwahrscheinlich geteilt: Muss es aber erst so weit kommen?