Wie das Militär die türkische Politik beeinflusst
Das, wovor man sich in Deutschland fürchtet, ist in der Türkei bereits bittere Wahrheit. Während hierzulande darüber diskutiert wird, ob die Bundeswehr auch im Inland zu Einsatz kommen solle, fragt man sich in der Türkei, wann das türkische Militär damit aufhören wird die Innen- und Außenpolitik der Türkei zu bestimmen.
Obwohl das türkische Militär de iure in Friedenszeiten dem türkischen Verteidigungsminister und damit indirekt dem Parlament unterstellt ist, zeigt die Vergangenheit, dass die türkischen Streitkräfte de facto über dem Gesetz und Parlament stehen. Seit der türkischen Staatsgründung im Jahre 1923 nahm die Macht des Militärs nie ab und bestimmt seit eh und je die innen- und außenpolitische Linie der Türkei. Drei Militärputsche, bei denen die jeweiligen Regierungsparteien gestürzt wurden und das Militär das Land regierte, beweisen, wer wirklich die Geschicke der Türkei leitet.
Auf dem Weg in die EU oder zurück zur Militärherrschaft?

Die Hauptideologie des Militärs ist der Kemalismus, als dessen Hüter und Beschützer sich das Militär bezeichnet. Mit der totalitären und menschenverachtenden Ader des Kemalismus haben wir uns bereits in Teil I dieser Reihe befasst. Kritik an den türkischen Streitkräften kann oft ein bitteres Ende nehmen. So wurde die Menschenrechtsaktivistin Eren Keskin am 20.März 2008 zu 6 Monaten Haft verurteilt, weil sie die Einflussnahme des Militärs auf Justiz und Politik kritisiert hatte. Doch nicht nur Kritik am Militär ist untersagt, das Militär unterhält auch geheime Untergrundorganisationen, die sich in der Vergangenheit durch Entführungen, Folter und Morde einen Ruf gemacht haben. Zuletzt wurden solche Verbindungen im Jahre 2005 aufgedeckt, als Unteroffiziere des Militärs einen Bombenanschlag auf eine Buchhandlung in Semdinli verübt hatten. Obwohl die Täter am Tatort noch gefasst wurden und ihre Schuld bewiesen war, wurden sie von einem Militärgericht freigesprochen.
Auch in der aktuellen Regierungsperiode drohte das Militär mit einem Putsch, weil sich Politik und Justiz nicht an ihre Regeln hielten. Wie bereits im ersten Teil dieser Reihe erwähnt, schreibt das Militär einen strengen türkischen Nationalismus vor und hat seit über 80 Jahren das Ziel aus dem Vielvölkerstaat Türkei eine homogene Gesellschaft zu schaffen. Ethnische Minderheiten wie die Lasen und Kurden mussten zusehen, wie ihre eigene Sprache und Kultur verboten wurde. Mit dieser Politik bezweckt man die Assimilierung nicht-türkischer Völker.
Wie schnell die Kemalisten ihr Machtgefüge bedroht fühlen, kann man diesertage in den türkischen Medien verfolgen. Zurzeit laufen in der Türkei Verbotsverfahren gegen die kurdische Partei DTP und die islamisch-konservative Regierungspartei AKP. Bei diesen beiden Parteien handelt es sich um den Vertreter der größten ethnischen Minderheit (DTP) und die islamische AKP, die immerhin 47% der Wahlstimmen auf sich vereinigen konnte. Beide Parteien verstoßen gegen die Vorschriften der kemalistischen Eliten. Die DTP war den Nationalisten schon vor den Parlamentswahlen ein Dorn im Auge. Wir erlebten in der Vergangenheit zahlreiche Gerichtsverfahren gegen DTP-Abgeordnete, bzw. Abgeordnete ihrer Vorgängerparteien, weil sie das Militär kritisierten, sich der kurdischen Sprache bedienten oder in kurdischer Sprache Kommunal- und Dienstleistungen anboten. Wie bereits weiter oben erwähnt, erstrebt das Militär die Assimilierung der nicht-türkischen Ethnien und die DTP ist ihnen daher im Wege. Die AKP wagte es, das Kopftuchverbot der Kemalisten anzutasten und muss nun mit deren Zorn und dem Verbotsantrag umgehen.
Während der AKP vorgeworfen wird, dass sie die Islamisierung der Türkei anstrebe, beteuern die AKP-Funktionäre stets ihre Loyalität zum Kemalismus. Tatsächlich steht die AKP den Kemalisten in nichts nach. Sie verfolgt einen genauso übereiferten Nationalismus und eine Assimilationspolitik, wie die Kemalisten.
Damit wären wir auch schon bei einem nächsten Problem der Türkei. Fast jede Partei bekennt sich zum Kemalismus – sei es eine linke, eine islamische und erst recht eine rechtsgerichtete Partei. Wenn man der AKP ihren Islam wegnimmt, dann bleibt ihr immer noch ihr Kemalismus. Doch auch in der Gesellschaft stößt der Kemalismus auf großen Zuspruch. Die Angst vor äußeren und inneren Feinden treibt die türkische Gesellschaft zu einem schier unglaublichen Nationalismus. Hat man sich als ausländischer Tourist noch nie gefragt, warum in der Türkei an jeder Ecke ein Porträt oder eine Statue Atatürks zu sehen ist?
Das Militär steht mit seiner extralegalen Art eine große Gefahr dar. Die Justiz und Sicherheitsbehörden liegen fest in den Händen des türkischen Militärs. Politik, Justiz und Gesellschaft tanzt seit jeher nach der Pfeife der Generäle. Bei Verstoßen gegen die Grundprinzipien des Militärs wird mit einem Militärputsch gedroht oder das Militär schickt eines seiner Justizorgane vor. Durch Gesetze wie „Die Beleidigung des Türkentums, der Republik und der Institutionen und Organe des Staates" (§ 301 des türkischen Strafgesetzbuches), fällt es den wahren Herrschern der Türkei nicht schwer ihre Kritiker zum Schweigen zu bringen.
Was die Türkei braucht, ist eine wahre Demokratie. Die Vorherrschaft einer starren Ideologie und der Personenkult um Atatürk sind enorm schädlich für die türkische Gesellschaft. Das Militär muss der Kontrolle durch das Parlament unterliegen und darf keine extralegale Institution sein, die Politik und Justiz des Landes bestimmt. Innerhalb der türkischen Gesellschaft muss endlich auf türkischen Nationalismus verzichtet werden, denn ein sinnlos eifernder türkischer Nationalismus ist genauso schlimm, wie religiöser Fundamentalismus.
Wie das Militär die türkische Politik beeinflusst
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miran schreibt am 03.04.2008 00:50
Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass die türkischen Streitkräfte ebenfalls ein grosses Wirtschaftsunternemen sind und daher auch finanzielle/wirtschaftliche Interessen für ihr Handeln eine Rolle spielen.
Der Pensionsfond der türk. Streitkräfte - OYAK - wird durch einen Teil des Soldes der Offiziere finanziert. Das Geld aus den Gehältern wird in eine Holding, zu der über 30 Unternehmen mit über 30.000 Beschäftigten angehören, investiert. Somit soll die OYAK zu den 3-4 grössten wirtschaftlichen Zusammenbünden der Türkei gehören und aufgrund der Ausnahme von Steuern und Abgaben, eines der profitabelsten sein.
Eine weitere Einnahmequelle der türkischen Streitkräfte ist die TAI (TUSAS Aerospace Industries), deren Hauptanteilseigner die TSKGV (Türk Silahli Kuvvetlerini Güclendirme Vakfi - Turkish Army Strengthening Foundation) ist. Bei der TAI handelt es sich um einen Luft- und Raumfahrtkonzern, der u.a. Kampfflugzeuge und Kamphubschrauber produziert und zudem als Zulieferer für Unternehmen wie u.a. Airbus, Boeing und Lockheed Martin arbeitet.
Das Eingreifen der türk. Streitkräfte in die Politik, kann somit als Versuch des eigenen Machterhaltes verstanden werden. Wenn man dazu auch noch einen seit der Staatsgründung dem Vok eingeimpften Nationalismus gebrauchen kann und sein ganzes Vorgehen zum Schutze dieser Ideologie - welches dem Weltbild eines Grossteils der Bevölkerung entspricht - begründet, hat man sozusagen Narrenfreiheit und wenig Kritiker.
Je erfolgreicher Andersdenkende in der politischen Landschaft der Türkei werden und sind, desto grösser wird die Angst auf der Seiten der türkischen Streitkräfte sein, da diese darin eine Gefahr sehen, die an ihrer Macht nagt. Wer teilt schon gerne?......
Das man zum eigenen Machterhalt die unterschiedlichsten Methoden und Instrumente benutzt, fällt ebensowenig auf und ist unter der Mehrheit der Bevölkerung nicht glaubhaft, da man es Hinbekommen hat, die Kritik an den Beschützern der Nation und den "Wahrern des Kemalismus", zu einem Tabu zu machen. Welches Übel sie eigentlich über die Türkei gebracht haben, sehen leider nur sehr wenige.
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